FR. 11.05.07 POP UP SPECIAL: BASS PLUS

up: Dub, Reggae:
RHYTHM & SOUND - 45 SESSION FEAT. TIKIMAN (Berlin) DISRUPT + ROOTAH (Leipzig, London) JAHTARI (Disrupt, Tapes, Dressla) KID GRINGO (Kugelblitz, Kampala / L)
down: Breakbeat, Drum & Bass:
PJ & SMILEY A.K.A. SHUT UP AND DANCE (The Great British Public, London) REMASURI (Rolling Sounds, Leipzig) PEAK PHINE (Distillery, Bass Plus, Leipzig) SENCHA (Leipzig)
outdoor: Loungebeats:
RUKEY (Distillery, esoulate, Leipzig) SOULSLIDE (Hyperion)

Start: 22:30 | add to Cal


Es gibt Musik, die sich so weit anfühlt, dass man darin völlig versinken kann. Mit der man die Zeit vergisst und in scheinbar unergründliche Endlosigkeit eintaucht. Die locker und innig umschmeichelt, schwebend und doch mit Tiefe, entrückt und doch mit klarer Message. Solche Musik kommt von Rhythm & Sound.

Rhythm & Sound, das sind Mark Ernestus und Moritz von Oswald. Ihre Namen mögen nicht sehr geläufig sein, doch als Labelbetreiber und Produzenten gehören sie zu den einflussreichen Machern der elektronischen Musikgeschichte. Der Kreuzberger Plattenladen Hard Wax ist ihre Heimat und von dort aus haben sie in den letzten 15 Jahren erst Techno und dann Dub-Reggae revolutioniert.

Tikiman1993 gründeten sie das Plattenlabel Basic Channel, auf dem sie erstmals ihren ganz eigenen Technostil ausformulierten. Doch aus Basic Channel wurde mehr, eine ganze Familie von Sublabels, die alle für ein eigenes Konzept stehen: M-Series, Main Street, Chain Reaction. Jedes einzelne Release dieser Labels ist heute ein Klassiker. Schon auf ihren frühen Veröffentlichungen synthetisierten Ernestus und von Oswald reduzierten Minimal Techno der Detroiter Schule mit dubtypischen Basslinien, Hall- und Rauscheffekten. 1996 begannen sie, sich endgültig dem Rootsreggae zu zuwenden.

Als Rhythm & Sound loten sie seitdem auf den Labels Burial Mix und Rhythm & Sound ihre einzigartige Definition des jamaikanischen Sounds aus. Doch nicht nur das, mit Wackies und Basic Replay gründeten sie noch zwei weitere Labels, auf denen alte Reggae- und Dubplatten wiederveröffentlicht und so einer neuen Generation von Musikliebhabern zugänglich gemacht werden.

Ernestus und von Oswald sind große Kenner sowohl der Technogeschichte als auch der jamaikanischen Musik. Ihr Umgang mit beiden Kulturen ist geprägt von Respekt und gegenseitigem Austausch. Vor allem aber hat kaum jemand vor ihnen diese beiden Welten so einzigartig zusammengebracht und vereint. Mit ihren Produktionen haben sie einen neuen Hybriden geschaffen, ein eigenes Genre: Dubtechno.

Seit den späten 90ern arbeiten Rhythm & Sound regelmäßig mit Reggaevokalisten zusammen, die den elektronischen Rhythmus- und Bassflächen eine weitere Schicht an Seele hinzufügen. Die ausgefeilte, erfrischende Ästhetik des Techno gibt den Stücken eine Tiefe, wie sie im Dub sonst kaum zu hören ist. Ein erster Höhepunkt der Arbeit von Rhythm & Sound war das Album „With The Artists“ aus dem Jahr 2003, eine Zusammenstellung von 8 Tracks mit 7 verschiedenen Reggaekünstlern, manche von ihnen lebende Legenden. Zeitgleich erschien eine Compilation mit den instrumentalen „Versions“ dieser Tracks, auf denen die feinen Produktionskünste von Rhythm & Sound ganz im Vordergrund standen.

2005 kam dann der nächste Meilenstein „See Mi Yah“. 14 unterschiedliche Interpretationen eines einzigen Riddims durch sowohl berühmte als auch junge, wenig bekannte Gastsänger. Im vergangenen Jahr folgte ein weiteres Album, diesmal mit Neuinterpretationen der einzelnen „See Mi Yah“ Versionen, auf denen Remixer verschiedenster Stile, wie Ricardo Villalobos oder Carl Craig, die Strictly Roots Haltung in den Club transportieren. Keine Frage also, Rhythm & Sound stehen für eine zeitlose Balance aus Tradition und Innovation.

Etwas klassischer wird es zugehen, wenn Moritz von Oswald und Mark Ernestus am 11. Mai persönlich in die Distillery kommen, denn angekündigt ist eine straighte Singles-Reggae-Selektion. Als Gastgeber am Mikrofon werden sie dabei von Tikiman a.k.a. Paul St Hilaire unterstützt. Der Dominikaner lebt schon seit vielen Jahren in Berlin, wo er 1995 erstmals auf einer Main Street 12'' mit Ernestus und Oswaldt kooperierte. Seitdem ist er immer wieder auf ihren Produktionen zu hören. Mit seiner souligen Stimme und seinen Texten voller Consciousness trägt er nicht unwesentlich zur Magie von Rhythm & Sound bei. Auch als Sänger für Kruder & Dorfmeister und Stereotyp oder mit seinen eigenen Produktionen hat Tikiman immer wieder seine große stilistische Bandbreite unter Beweis gestellt. Ob süß oder energisch, weich oder gebrochen, toastend oder im Spoken-Word-Stil, manchmal poetisch, manchmal politisch – dieser Mann kann fast alles, und bleibt dabei vor allem immer eins: deep.

Wir können uns also freuen auf summende Echos und mächtige Bässe. Auf faszinierend funkelnde Klanglandschaften. Auf Geschichten voller Trauer und Hoffnung. Auf minimalistische Fülle, in der mit wenigen Elementen so viel erreicht wird. Improvisierte Perfektion, die die Tanzfläche in einen unendlichen Raum öffnen könnte.

Ernestus und von Oswald haben nicht nur musikalisch bis heute einen immensen Einfluss auf die Entwicklung der elektronischen Musik, auch in ihrer Haltung gegenüber der Musikindustrie sind sie sich beispiellos treu geblieben. Die Veröffentlichungsreihen folgen einer formalen Strenge, die Coverdesigns sind klar konzeptioniert, es gibt keine Fotos oder aufgezeichnete Interviews, die Platten werden selbst gepresst und sie verlassen sich erfolgreich auf die Distributions- und Kommunikationsnetze von Musikliebhabern weltweit, anstatt sich an große Vertriebe zu verkaufen. All die jungen Pop Up-Messe-Besucher können hier vielleicht noch lernen, wie man es richtig macht mit der Unabhängigkeit. Und vor allem: die wunderbare Musik genießen!

basicchannel.com
www.tikiman.de
www.jahtari.org
www.werk-it.com
www.leipzig-popup.de

Text: Anja da porpoise


Als ob dieser Bass Plus-Abend mit Basic Channel nicht schon genug Flair von "Legends Of Electronic Music" mit sich bringt, sorgen im Untergeschoss der Distillery zwei weitere Herren für einen Diskurs in Sachen Breakbeat und Rave Classics - denn ohne Shut Up And Dance wären diese Sounds wohl nicht das, was sie heute sind.

PJ & Smiley a.k.a. Shut Up And DancePJ und Smiley beschleunigten bereits als DJs in Londoner Soundsystems Mitte der 80er ihre HipHop-Platten auf ein tanzfreundlicheres Level, und schoben mit diesem neuen Rhythmus in den eigenen Produktionen den weiteren Verlauf der UK-Dancemusic-Szene an. Ob Breakbeat, UK Hardcore oder Drum & Bass - SUAD sind an dieser Entwicklung alles andere als unbeteiligt. Über ihr gleichnamiges Label veröffentlichten sie erstmals heutige Künstlergrößen wie DJ Hype, Ragga Twins, Nicolette oder Peter Bouncer. Mit New Deal schickten sie später ein weiteres Label für darke Garagebeats ins Rennen.

Ihr größter Erfolg neben den vielen Singles und Alben über die letzten 20 Jahre war mit Sicherheit der Track „Raving I’m Raving“, der zur damaligen Zeit die Hymne des gesamten Movements war. Allerdings bekamen sie wegen der verwendeten ungeklärten Samples auch als Erste die damit verbundenen Schattenseiten des Biz zu spüren. Fest steht, dass auch dieser Track heute noch funktioniert, was man an der Begeisterung der Distillery-Crowd vor einem Jahr deutlich ausmachen konnte. Neben den Classics, die Smiley in seinem DJ-Set droppt, werden auch stets neue Sachen getestet, und so gibt es auch in dieser Nacht viel Material vom neuen Album, auf das uns die beiden Perfektionisten tatsächlich immer noch warten lassen. Denn wenn man den letzten Longplayer mit Kultstatus namens „Reclaim The Streets“ hört, und dazu noch die letzten Sets in den Ohren hat, weiß man, dass es mit einem entsprechenden Knall in der Breaksszene einschlagen wird. Aber Gutes braucht eben manchmal etwas länger.

In der Zwischenzeit schauen die Beiden ja glücklicherweise wieder in Leipzig vorbei und starten die Party in der gewohnten Formation mit PJ am Mic und Smiley an den Decks. Wer also letztes Jahr gefehlt hat, braucht sich nicht länger schämen und kann sich die Wahnsinnsperformance im Distillerykeller geben! Ihr könnt sicher sein, Shut Up And Dance heißen diese Jungs nicht umsonst ...

www.shutupanddance.co.uk
www.nuskoolbreaks.net
www.rollingsounds.de
www.leipzig-popup.de

Text: Sencha
distillery.de